Zum Gedenken an Lilly Keller

Anfang Januar 2018 ist die Berner Künstlerin Lilly Keller (geboren 1929 in Bern) 88-jährig in Thusis, dem Heimatdorf ihrer Mutter, verstorben - nach über 60 Jahren künstlerischer Arbeit. Lilly Keller schuf viele Zeichnungen, Malereien, Bücher, Collagen, Objekte, Installationen und Tapisserien.

Die Künstlerin Lilly Keller war mittendrin, als Bern um die Kunsthalle den Nabel der Kunstwelt bildete. Die ab und zu unterschätzte Künstlerin Lilly Keller prägte in den 50er- und 60er-Jahren die Berner Kunstszene. Sie war verheiratet mit dem Künstler Toni Grieb (1918 - 2008) und bewohnte mit ihm ein Haus mit Umschwung in Cudrefin, zu sehen im - vom Schweizer Fernsehen produzierten - Dokumentarfilm von Juri Steiner "Die Künstlerin Lilly Keller - Cultiver son jardin".

Sie schuf für das Gymnasium in Langenthal 1969 die Tapisserie Nr. 53, ein Werk mit den Massen 10 x 3 Meter. Das textile Werk hängt heute noch in bestem Originalzustand im Foyer vor der Aula im ersten Stock.


Das Werk wurde aber nicht ohne Widerstand zur Kunst am Bau. Im Langenthaler Kunststreit 1968 wollten aufgebrachte Lehrer und Einwohner der Stadt Langenthal ihre Tapisserie und auch die Plastik von Robert Müller die "Fanfare" verhindern (wir feiern ja dieses Jahr gerade das 50-Jahr-Jubiläum des legendären Jahres 1968).

Das ist ihnen aber nicht gelungen. Lilly Keller konnte durchsetzen, dass ihr Werk an unserem Gymnasium - trotz Widerstand - seinen Platz fand und auch die Plastik von Robert Müller wurde 2010, nachdem sie seit 1977 vor dem Kunsthaus in Zürich stand, schlussendlich doch noch an der ursprünglich geplanten Stelle vor dem Gymnasium aufgestellt. Bei dieser Einweihung war auch die Künstlerin Lilly Keller anwesend, unter anderem aus Solidarität mit ihrem 2003 verstorbenen Künstlerkollegen und auch mit der Genugtuung, dass nun auch sein Werk seinen endgültigen Platz gefunden hatte.

"Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen", sagte ihre Freundin Meret Oppenheim über das Selbstverständnis der Künstlerin.

Langenthal 2018, Rolf Martens

10 Jahre Jubiläum der "Fanfare" auf dem Areal des Gymnasiums Langenthal

Die 40 Jahre lang vor dem Zürcher Kunsthaus stehende Betonskulptur «Fanfare» erhielt vor genau 10 Jahren in Langenthal einen neuen Standort – in jener Stadt also, die sich vor 40 Jahren noch vehement gegen das Kunstwerk gewehrt hatte.

Ursprünglich war geplant, die «Fanfare» des Schweizer Bildhauers Robert Müller als Teil eines Kunst am Bau-Konzeptes vor dem Neubau des Gymnasiums Oberaargau aufzustellen. Das Vorhaben wurde dann aber wegen starken Widerstands aus der Bevölkerung fallengelassen und führte zum so genannten «Langenthaler Kunststreit».


Der Schweizer Bildhauer Robert Müller (1920-2003) ging als «Eisen- Müller» in die Kunstgeschichte ein. Zusammen mit Bernhard Luginbühl und Jean Tinguely gilt er als einer der Erschaffer der modernen Eisenplastik.

Vielen, auch Mitgliedern des damaligen Lehrerkollegiums, erschien das Kunstwerk damals als zu modern und zu wenig gegenständlich; man hatte Angst, die Plastik beinhalte etwas Zweideutiges, sie verderbe die Jugend. Anstelle der „Fanfare“ wurde dann die Bronzeplastik „Doris“, ein Frauenakt von Karl Geiser aus dem Jahre 1943, angekauft und aufgestellt.

Die „Fanfare“ wurde in den Siebzigerjahren dann doch noch realisiert. Statt nach Langenthal kam die Plastik nach Zürich, wo sie den Eingangsbereich des Kunsthauses prägen sollte. Wegen der geplanten Erweiterung des Kunsthauses und der Sanierung des Heimplatzes verlor die «Fanfare» aber 2010 ihren Standort und wurde von der Stadt Zürich der Stadt Langenthal geschenkt.

Die „Fanfare“ steht also heute an genau dem Ort, für den sie in den Sechzigerjahren vom Künstler konzipiert wurde. Die „Doris“ musste weichen und steht seit 2010 vor der Aula.

Langenthal 2020, Rolf Martens