Im Zuge der letztjährigen Inventur gerieten mir Bücher in die Hände, die nach gemeingültigen Bibliotheksmassstäben längst weggeworfen gehörten. Aber wie schwer fällt mir das! Besonders bei Schätzen wie dem „Lexicon der Sittsamkeit von A bis Z, welches insbesondere Jungfrauen, Bräute und Ehefrauen aber auch das männliche Geschlecht über Anstand, Anmut und Würde in Haus und Gesellschaft unterrichtet„. Ein langer Titel, ein amüsierendes Buch! Der Autor bibliografiert Werke aus fast zwei Jahrhunderten, zitiert Sittenlehrer von 1791 bis 1970. Es werden uns Regeln über das richtige Benehmen bei Besuchen, das korrekte Grüssen, über Reinlichkeit und Ordnung, Hochzeit und Ehe, Konversation und unzähliges mehr erläutert.

Das allermeiste gehört definitiv in die Vergangenheit: So trägt man beispielsweise heute kaum mehr Hut. Man(n) muss also auch nicht mehr wissen, wie oft man bei wiederholten Begegnungen während des Flanierens im Park den Hut ziehen muss. „Der schweizerische Knigge“ empfiehlt hier übrigens, beim ersten Mal den Hut ganz zu ziehen, beim zweiten Mal ihn nur noch mit der Hand zu berühren, bei der dritten Begegnung reicht es, freundlich zu nicken. Unsichere Zeitgenossen wählen die Variante des Ausweichens vor dem dritten Mal…

Und doch ist es offenbar immer noch nötig, Bücher über Anstands- und Verhaltensregeln zu veröffentlichen. Ariane Sommers „Benimm-Bibel“ (veröffentlicht 2001) spricht gezielt den modernen Menschen an. Sie schreibt über Körperpflege (Mundgeruch, Tattoos) wie auch über Tischsitten und (Gott behüte) über One-Night-Stands. Sicher wäre es auch nützlich, über das Grüssen – wer wen zuerst – und über Schuhe auf Sofas, rauchende Menschentrauben vor Durchgangstüren und über Abfall auf dem Schulareal zu schreiben…

Das Wissen über den Umgang mit Mitmenschen und das rücksichtsvolle anständige Verhalten erleichtert das Zusammenleben sehr. Und wer nicht Bücher lesen mag, darf sich gern die DVD „Sind Manieren out?“ holen.